Wie geht es Studierenden momentan? Was wünschen sie sich zukünftig für die universitäre Lehre? Das aktuelle Semester bietet sich besonders an, um hier einmal offen nachzufragen. Ausgerufen als „Übergangssemester“ hin zum normalen Präsenzbetrieb erwarteten einige sowohl hybride Lehre, aber auch wieder die gewohnte Präsenzlehre. Auch rein digitale Lehre war von Beginn des Semesters an möglich. Das Wintersemester 21/22 erfordert somit allseits Flexibilität. Nach einigen rein digitalen Semestern begegnete den Studierenden ein bunter Blumenstrauß an Lehrangeboten. Wir haben diese besondere Gelegenheit genutzt, um die Stimmung und Meinungen der Studierenden zur Lehre an der Uni Hamburg einzufangen.

Dazu führten wir vom 23.11. bis 07.12. eine Umfrage unter Studierenden durch. Die Umfrage erfolgte aufgrund der sich zu diesem Zeitraum bereits verschlimmernden Infektionszahlen digital über Mentimeter. Über zwei Wochen wurden an verschiedenen Orten auf dem Hauptcampus Flyer ausgelegt, die zur Umfrage führten. Studierende konnten diese niedrigschwellig per QR-Code z.B. mit dem Smartphone beantworten. Die Umfrage hatte sechs Fragen und konnte in deutlich unter fünf Minuten abgeschlossen werden.

@CocoMaterial

Wir konnten so 36 Studierende erreichen, die sich quer über die Fakultäten der UHH verteilen. Vorweg sei angemerkt, dass die Stichprobe aller Wahrscheinlichkeit nach die Flyer auf dem Campus vorgefunden und dann direkt im Anschluss an der Umfrage teilgenommen hat. Es kann somit nicht ausgeschlossen werden, dass die Stichprobe stärkere Neigungen zu Veranstaltungen in Präsenz als die Grundgesamtheit der Studierenden hat (sie waren schließlich vor Ort). Nun aber zu den spannenden Einsichten.

Wir fragten Studierende offen danach, wie es ihnen aktuell geht und warum das so ist. Knapp die Hälfte der Studierenden sagte, dass es ihnen im Allgemeinen recht gut gehe. Vielen nahmen zu ihren Bedürfnissen rund um soziale Kontakte Stellung: unter Leuten zu sein tue gut. Der überwiegende Teil der Stichprobe wünscht sich Lehre in Präsenz und sorgt sich, dass es möglicherweise bald wieder weniger davon geben wird. Auch finden sich Stimmen, die aussagen, dass ihnen das „typische Studierendenleben und -gefühl“ fehle. Studierende beschrieben auch Gefühle der Überforderung durch eine zu hohe Arbeitslast (11%). Eine Person gab an, dass sie große Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus habe, aber gleichzeitig auch Angst, dass die Lehre in der nächsten Zeit wieder komplett digital sein wird. Es gab auch eine konträre Meinung, die deutlich machte, dass digitale Lehrangebote die Vereinbarkeit von Studium, Familie und Beruf ermöglichen und dass sich durch digitale Lehre die Tage effektiver strukturieren lassen. Dadurch würde für diese Personen das Studium überhaupt erst möglich.

Studierende hatten auch die Gelegenheit, offen ihre Wünsche zur Zukunft der Lehre an der Uni Hamburg und der Rolle digitaler Elemente darin zu äußern. Zusammenfassend kann man hier sagen, dass Studierende sich ein hohes Maß an Flexibilität wünschen. Konkret wünschen sie sich, dass digitale Angebote als Ergänzung zu präsentischen Formaten zur Verfügung gestellt werden, entweder durch Angebot von hybriden Veranstaltungen oder Aufzeichnungen von Vorlesungen. Die Mehrzahl schätzt digitale Angebote durchaus wert, machte aber auch deutlich, dass digitale Lehre die Lehre in Präsenz – insbesondere in Settings wie Seminaren – nicht ersetzen kann. Trotzdem hätten sie etwa durch hybride Formate gerne die Möglichkeit, spontan zu entscheiden, wie sie teilhaben wollen und äußern auch den Wunsch nach aufgezeichneten Materialien insbesondere zum Nachbereiten und zur Prüfungsvorbereitung. Eine teilnehmende Person fasste es griffig so zusammen:

Digitale Lehre sollte eine große Rolle im Bereich Material/Kommunikation/Abgaben spielen, die Lehre muss präsent sein, um einen reduzierten Diskurs zu verhindern.“

Eine Stimme griff sogar das Konzept des Blended Learnings auf. Hier wird insbesondere geschätzt, dass es die Möglichkeit zum kooperativen Arbeiten und Austausch vor Ort, aber gleichzeitig auch die Möglichkeit zum Arbeiten im eigenen Tempo und dem setzen eigener Schwerpunkte ermöglicht. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass falls rein digital mit hohem asynchronen Anteil gelehrt wird, das didaktische Konzept dann unbedingt mit Möglichkeiten zum synchronen Austausch ausgestattet sein sollte.

Eine weitere Stimme wünschte sich offen, dass Lehrende sie ernst nehmen und ihr freundlich begegnen sollen. Der Wunsch wurde formuliert, dass es an der Uni nicht primär um „kalte“ Leistung, sondern um ganzheitliche Bildung gehen solle, bei der der Anspruch durchaus hoch sein darf. Auch Wünsche an politische Verantwortungsträger bzw. gestaltende Personen in der Gesellschaft wurden formuliert. So ruft es großes Unverständnis hervor, dass an der Universität auch kleine Präsenzgruppen für einige Zeit nicht möglich waren, Fußballstadien jedoch mit größeren Menschenansammlungen gefüllt waren. Einige Studierende beschrieben, dass die Phase der rein digitalen Lehre und die Corona-Lage insgesamt bei ihnen auch zu psychisch schwierigen Episoden geführt habe. Hier wurde konkret für die Uni bemängelt, dass in diesen Phasen die Tonalität der Lehrenden gegenüber den Studierenden teilweise unpersönlich und von Kälte geprägt war.

Diese Wünsche und Bedürfnisse an die Zukunft der Lehre lassen sich auch in Teilen aus den Antworten zu den folgenden drei geschlossenen Fragen ablesen. In diesen wollten wir von den Studierenden wissen, auf welche Art und Weise zukünftig unterschiedliche Lehrveranstaltungstypen (Vorlesungen, Übungen / Tutorien, Seminare) stattfinden sollten. Studierende konnten hier mehrere Optionen auswählen.

Bis auf bei den Vorlesungen, bei denen es zu einem Gleichstand zwischen dem Wunsch nach Präsenz und dem Wunsch nach hybrider Durchführung kam, wünschen sich die Studierenden in der Mehrheit, dass präsentisch gelehrt wird. Deutlich wurde, dass Studierende sich noch am ehesten hybride Veranstaltungen wünschen und dass sowohl die rein digitale Lehre als auch (nahezu) rein asynchrone Formate dahinter stärker zurückfallen. Erstaunlich finden wir dieses Ergebnis insbesondere bei den Vorlesungen.

Wie geht es weiter?

Unserer Meinung nach sollte beim Weg nach vorne auf die Wünsche und Meinungen der Studierenden eingegangen werden. Diese wünschen sich Flexibilität sowie eine zeitgemäße universitäre Lehre. Die Universität als Ort des Austauschs, des Diskurses und der Lehre ist für Studierende jedoch elementar wichtig. Was kann daraus folgen?

Abstrahiert man von „Corona“ muss ein Weg die Weiterentwicklung der universitären Lehre sein, was ausdrücklich auch die Nutzung zeitgemäßer digitaler Elemente in der Lehre einschließt. In unserem Support sehen wir eine steigende Anzahl von Lehrveranstaltungskonzepten, die sich sowohl technisch als auch didaktisch weit vom Emergeny Remote Teaching (ERT) entfernen (zeigen wir regelmäßig hier). ERT meint die plötzliche Umstellung der Lehre auf digital, ohne dass eine angemessene Planungs- und Vorbereitungszeit vorhanden war. Dies ist erfreulich, muss jedoch auch unbedingt um eine Diskussion um Ressourcen ergänzt werden (was sehr schnell in ein fieses Kaninchenloch führt in dem sich die Themen Anreizsystem der Karrieren in der Wissenschaft, akademischer Mittelbau, Finanzierung und #IchBinHanna verstecken). Gute Didaktik macht meistens auch etwas mehr Aufwand. Dazu kommt der Aufwand der technischen Abbildung und die Anstrengungen, die eine erhöhte Flexibilität in der Lehre – Stichwort: hybride Lehre – sowie die Auseinandersetzung mit Technik und neuen Konzepten den Lehrenden abverlangen. Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist dieses Video von Professorin Gabi Reinmann vom HUL der Universität Hamburg. Aktuell befinden wir uns in einer Phase, in der neue Wege beschritten und gute Praktiken gesammelt werden. Dies braucht Zeit und das ist auch gut so.

Überfordern Sie sich nicht und melden Sie sich gerne, wenn Sie technischen oder didaktischen Support benötigen. Gerne stehen wir Ihnen jederzeit als Gesprächspartner und Ideengeber für die weitere Entwicklung der Digitalisierung von Lehre und Prüfungen zur Verfügung. Mindestens in diesem Winter ist die Lage wegen Corona noch belastend und ungewiss, wir freuen uns jedoch jederzeit auf einen gestalterischen Dialog zur zukünftigen universitären Lehre mit Ihnen. Kürzlich haben wir folgenden Satz über den (digitalen) Flurfunk aufgeschnappt:

„Vielleicht muss erst wieder ein komplettes Präsenzsemester ohne Coronasorgen unterrichtet werden, bevor man rational und gestaltend darüber sprechen kann, was an digitaler Lehre gut war.“

So oder so: wir wünschen gutes Gelingen und gute Gesundheit!