Aktuell sieht es so aus, als könnte im Sommersemester 2022 tatsächlich uneingeschränkte Präsenzlehre stattfinden. Viele freuen sich darauf, endlich wieder – wie „vor Corona“ gewohnt – zu lehren. Doch: nach zwei Jahren unterschiedlichster Erfahrungen in Studium und Lehre: was bedeutet das eigentlich, „Zurück zur Präsenzlehre“?

In diesem Beitrag wollen wir uns damit auseinandersetzen, was sich Studierende von den Lehrenden wünschen, und in diesem Zusammenhang noch einmal die hybride Lehre aus einer didaktischen Perspektive beleuchten. Außerdem geben wir konkrete Tipps, wie die präsentische Lehre um digitale Elemente sinnvoll ergänzt werden kann.

Die Perspektive der Studierenden

Hier beschränken wir uns zugunsten der Kürze des Beitrags auf die Art, wie die Veranstaltungen durchgeführt werden. Freilich gibt es viele weitere Dimensionen, welche in dieser studierendenzentrierten Perspektive interessant sind, wie Prüfungsformate sowie die Betreuung neben den reinen Lehrveranstaltungen.

Im Winter 2021/2022 fragten wir Studierende auf dem Hauptcampus, welche Durchführungsform sie bei Lehrveranstaltungen bevorzugen. Bei Vorlesungen, Seminaren und Übungen wünschten sich zwischen 35% und 54% die Durchführung in Präsenz vor Ort, wobei dieser Wunsch in Bezug auf Vorlesungen im Vergleich relativ selten geäußert wurde, bei Übungen / Tutorien dagegen deutlich öfter. Der Wunsch nach hybrider Durchführung folgte anteilig stets eng hinter dem Präsenzwunsch bzw. war bei Vorlesungen sogar gleichauf (35% wünschen sich eine Durchführung in Präsenz, ebenso viele wünschen sich eine hybride Durchführung). Außer bei Übungen und Tutorien wünschen sich die Studierenden mehrheitlich zumindest Elemente der digitalen Lehre im Vergleich zu ausschließlicher Präsenzlehre.

Weitere anekdotische Evidenz liefert eine anonyme Befragung einer Fachschafts-Projektgruppe am Fachbereich Informatik. An dieser nahmen 251 Studierende teil. Der Zeitpunkt dieser Befragung war Anfang Oktober 2021. Die Präferenzen hier waren wie folgt:

Durch diese Befragungen wird deutlich, dass die Wünsche der Studierenden heterogen sind und es doch einige unter ihnen gibt, die sich mindestens digitale Elemente in der Lehre wünschen. Auch liegt der Schluss nahe, dass Studierende aus unterschiedlichen Fachbereichen unterschiedliche Präferenzen hinsichtlich des Ausmaßes der Präsenz in der Lehre haben.

Eine etwas wissenschaftlichere Perspektive gefällig? Forschende der Universität Wien veranstalteten zum Ende des Sommersemesters 2021 eine Umfrage mit dem Titel „Wie gelingt das Studieren nach einem Jahr Pandemie? Welche Erwartungen gibt es an die künftige Lehre?“. An der Umfrage nahmen 1732 Studierende in Österreich teil. Hier gaben rd. 29% an, dass sie weiterhin digitale Lehre bevorzugen und rd. 26% wünschten sich keine digitale Lehre mehr. Die Mehrheit von 45% wünschte sich teilweise digitale Lehre.

Diese quantitativen Eindrücke decken sich mit Feedback der Studierenden, von dem Lehrende der UHH aus der Lehre im vergangenen Semester berichteten. Im Rahmen eines kürzlich durchgeführten Workshops zu Erfahrungen mit der hybriden Lehre wurde erzählt, dass Studierende die Flexibilität, welche hybride Lehre ermöglicht, sehr schätzen. Auch stellten Lehrende in Frage, ob hybride Lehre „gekommen ist, um zu bleiben“? Wird eine hybride Durchführung von Lehrveranstaltungen zukünftig der „default“ sein? Bekommt man den Dschinn nochmal zurück in die Flasche? Diese Fragen können aktuell noch nicht beantwortet werden, wir wollen nun jedoch die hybride Lehre noch einmal gezielt aus einer didaktischen Perspektive betrachten.

Hybride Lehre – didaktischer Mehrwert?

Zunächst: oben sowie im nun Folgenden meinen wir mit hybrider die synchrone hybride Lehre, also Live-Veranstaltungen, an denen zeitgleich am Veranstaltungsort sowie digital teilgenommen werden kann. Hier wird bereits ein erheblicher Vorteil hybrider Veranstaltungen deutlich: sie erhöhen die Flexibilität für Teilnehmende ungemein. Hybride Lehrveranstaltungen leisteten somit einen Beitrag, präsentische Lehre unter Corona-Bedingungen wieder teilweise zu ermöglichen. In einigen Veranstaltungen ist für die Kompetenzentwicklung der Studierenden Lehre vor Ort notwendig, „unter Corona“ konnten und durften jedoch teilweise nicht alle Studierenden am Veranstaltungsort präsent sein. Dies trifft beispielsweise im Besonderen auf einführende Veranstaltungen zum Studienbeginn zu, wie auch auf Termine zum Beginn einer Veranstaltung. Insbesondere weil der weitere Pandemieverlauf unberechenbar ist, viele Infektionen geschehen und die Lehre unterschiedlich umgesetzt wird (Fahrtwege?), bietet hybride Lehre pragmatische Vorteile, weil sie eine flexible Teilnahme ermöglicht.

Die Lehrenden, welche sich für eine hybride Durchführung entschieden haben, haben diese eindrucksvoll umgesetzt und sich weitaus mehr getraut, als wir in unserem Minimalbeispiel vorgeschlagen haben. Zu Beginn der Umsetzung von hybrider Lehre standen technische und organisatorische Fragen im Raum. Auch nahm die Komplexität und die Anforderung an Multitasking für die Lehrenden deutlich zu: Hat jemand etwas im Chat geschrieben? Funktionieren Bild und Ton für alle? Wie ging das nochmal mit der Kameraeinstellung? Habe ich die digital Teilnehmenden ausreichend beachtet? Lehrende berichteten, dass es hier zwar zu Gewöhnungseffekten und Routine kommt, aber dass die Interaktion im Vergleich zu Präsenzveranstaltungen mitunter hintenansteht.

Aus einer rein didaktischen Perspektive betrachtet: Was ist an hybrider Lehre eigentlich der Mehrwert? Hybride Veranstaltungen ermöglichen es, besondere Gäste von ferneren Orten in eine Veranstaltung einzubinden. Zum Beispiel einen Forschenden aus den Anden, wenn es um tropische Wolken- und Nebelwälder geht. Gleichzeitig können Studierende auch sich und ihre Arbeiten über diesen Kanal interessierten sowie interessanten Gästen vorstellen, beispielsweise die Einbindung eines Studierendenprojekts in ein Format während einer Fachkonferenz. Ab hier wird es mit eindeutigen didaktischen Vorteilen jedoch „dünner“ und man muss kreativer denken: Hybride Lehrveranstaltungen ermöglichen Studierenden eine gewisse Wahlmöglichkeit der Teilnahme und berücksichtigen dadurch individuelle Lernpräferenzen. Weiterhin kann die Medien- und Moderationskompetenz geschult werden durch den Umgang mit der Konferenzsoftware und –Technik sowie verwendeten Apps. Die Vergabe von Moderationsaufgaben an die Studierenden im digitalen Raum fördert inhaltliche Auseinandersetzung, Aufmerksamkeit und Moderationskompetenz.

Unterm Strich erhöht hybride Lehre jedoch schlicht und einfach die Flexibilität der Teilnahme und in der Praxis haben wir bisher beobachtet, dass Lehrende ihre Präsenzsettings nahezu unverändert hybrid umgesetzt haben (was wir Ihnen hier ja auch so empfohlen haben). Somit wurden die didaktischen Vorteile, welche hybride Lehre bietet nur am Rande genutzt. Dem gegenüber stehen die zusätzlichen Aufwände, die mit der Durchführung hybrider Lehre verbunden sind: Planung des Technikeinsatzes und des Ablaufs (für viele erstmalig), Aufbau der Technik und Technikcheck vorab (teilweise vor jeder Sitzung), Kommunikation mit und Koordination der Studierenden, Beachtung des rechtlichen Rahmens (Datenschutz), Planung und Nutzung von digitalen Methoden im hybriden Setting, Multitasking.

Was Mehrwert schafft

Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Wir alle haben in den letzten 2 Jahren wertvolle Erfahrungen hinzugewonnen und sowohl auf der Seite der Lehrenden als auch auf der Seite der Studierenden haben sich vielleicht neue Gewohnheiten gebildet. Nun wollen wir Ihnen in zwei Kategorien Konzepte und Werkzeuge darstellen, die wir als didaktisch mehrwertstiftend empfinden.

Blended Learning

Einen detaillierteren Überblick geben diese Folien. Kurz gesprochen sollen die Vorteile von Präsenz mit den Vorteilen der digitalen Lehre verbunden werden, während die Nachteile minimiert werden sollen. Blended Learning bezeichnet eine Lernform, die eine didaktisch sinnvolle Verknüpfung von synchronen (Präsenz)-veranstaltungen und digitaler, asynchroner, Lehre anstrebt. Dazu können beispielsweise zeitlich abgegrenzte Phasen / Blöcke von synchroner (Präsenz-) Lehre und asynchroner Lehre genutzt werden. Besonders wichtig ist, dass die synchronen und asynchronen Phasen funktional aufeinander abgestimmt sind („Lernform follows function“). Für unterschiedliche Lernziele und Funktionen von Elementen sollen auch unterschiedliche Formate genutzt werden.

Melden Sie sich hier gerne unter unserer Funktionsmail, wenn Sie hier etwas ausprobieren oder Ideen austauschen wollen.

Digitale Werkzeuge in der Lehre
Aktivierung – insbesondere in Vorlesungen

Hier beschreiben wir Ihnen, wie und warum man Audience Response Systeme (ARS) nutzen sollte, um z.B. Vorlesungen interaktiver und kurzweiliger zu machen. Abstimmungen und Quizzes können sowohl in präsentischen / digitalen und hybriden Veranstaltungen genutzt werden.

Peer-Feedback

Peer-Feedback aktiviert Studierende und vermittelt hilfreiche Erfahrungen und Kompetenzen. Studierenden sollte vorab klar kommuniziert werden, das und wie genau das Peer-Feedback durchgeführt werden soll (Umfang, Zeitrahmen, Bewertungskriterien, Auswirkungen). Seien Sie für die Studierenden während der Peer-Feedback Phase gut ansprechbar. Peer-Feedback kann gut über digitale Tools wie OpenOlat oder moodle durchgeführt werden. Alternativ oder parallel dazu können Sie auch einen Leitfaden zum Feedback zur Verfügung stellen.

Digitale Sprechstunde oder „Study with me“

Seien Sie als Lehrperon persönlich nahbar und betreuen Sie aktiv. Dies ist insbesondere in der digitalen Lehre oder in asynchronen Lehr- Lernphasen wichtig. Eine Möglichkeit dazu ist z.B. „Study with me“. Bieten Sie hier Studierenden an, dass Sie sich mit Ihnen zum gemeinsamen (digitalen) Arbeiten verabreden. Hier kann man sich in einem Block Zeit nehmen für Fragen, Kreatives ausprobieren oder fokussiert arbeiten. Studierende können sich dazu privat treffen und sich gemeinsam zuschalten.  Wenn Sie nicht ganz so weit gehen wollen, so hat sich in den letzten 2 Jahren gezeigt, dass insbesondere die digitale Durchführung von Sprechstunden allseits Vorteile bietet.

Mehrere formative Tests im Semesterverlauf für kontinuierliches Feedback

Näheres dazu beschreiben wir Ihnen hier. Die Gabe von kontinuierlichem Feedback hilft Studierenden multidimensional und ist essentiell wichtig. Die Nutzung mehrerer formativer Tests ermöglicht es, Fachwissen im Laufe des Semesters zu festigen, welches dann eine modernere Prüfungskultur in der Abschlussprüfung ermöglichen kann. OpenOlat und moodle bieten sich hervorragend für diese Tests an, auch ARS können dafür genutzt werden.

Zum Abschluss: Praxis-Tipps für die digitale Lehre
  • Wenn möglich: Chat-Moderation und Technik-Regie in digitalen oder hybriden Veranstaltungen auslagern. Dies entlastet Sie als lehrende Person und lässt Studierende oder Hilfskräfte Verantwortung übernehmen
  • Bei hybriden Veranstaltungen sollte Gruppenarbeit nur jeweils synchron zusammen und digital zusammen geschehen. Eine Mischung sollte nur bei asynchronen, semesterbegleitenden Gruppenarbeiten durchgeführt werden, falls möglich.
  • Kommunizieren Sie Regeln, notwendige Vorbereitungen und den Ablauf einer Veranstaltung den Studierenden vor Beginn der Veranstaltungsreihe klar vorab. Dies schließt insbesondere auch Kommunikationsregeln für hybride und digitale Termine ein.

Wir wünschen Ihnen ein erfolgreiches und möglichst unbeschwertes Sommersemester!